HBF-Pressedienst: Rituelle Klage der Wissenschaftler - penetrantes Selbstlob der Regierung(en)

Erstellt: Donnerstag, 31.01.2002 09:23

Sehr geehrte Damen und Herren,
nach dem letzten Jugendbericht, der unter Helmut Kohl/Claudia Nolte für viel Wirbel gesorgt hatte, ist jetzt Rot-Grün mit der Vorstellung des neuesten Berichtes an der Reihe. Morgen soll er von Frauenministerin Bergmann veröffentlicht werden.
Das Muster ist bekannt: Die Wissenschaft klagt - die Regierung lobt sich in den höchsten Tönen. - Dazu schon mal vorab unsere Stellungnahme.

Mit freundlichen Grüßen
Kostas Petropulos







HEIDELBERGER BÜRO FÜR FAMILIENFRAGEN UND SOZIALE SICHERHEIT (HBF)

PRESSEDIENST

TRÄGER: DEUTSCHER ARBEITSKREIS FÜR FAMILIENHILFE e.V., FREIBURG/BR


HBF-PRESSEDIENST, Biesinger Str. 16, 72070 Tübingen, Tel: 07071-400690, Fax: -400691 od. –2, E-Mail: FamilienbueroHD@t-online.de, www.heidelberger-familienbuero.de

Pressemitteilung - Pressemitteilung - Pressemitteilung


Tübingen, 29. Januar 2002

Zur Vorlage des Elften Kinder- und Jugendberichtes durch die Bundesregierung erklärt das Heidelberger Büro für Familienfragen und soziale Sicherheit:

Alle Jahre wieder:

Rituelle Klage der Wissenschaftler - penetrantes Selbstlob der Regierung(en)

Lage von Kindern und Jugendlichen verschlechtert sich weiterhin/ Regierung kann nur Verbesserungen erkennen/Für finanzielle Großprojekte ist die Bundesrepublik weiterhin "nicht reich genug"

Kinder waren und bleiben hierzulande das Armutsrisiko Nummer eins - das attestieren Experten diesmal mit dem 11. Kinder- und Jugendbericht den verantwortlichen Regierungspolitiker/innen zum wiederholten mal. Und genauso wie das Kabinett Kohl rechnet die Schröder-Mannschaft jetzt der Öffentlichkeit vor, welche finanziellen "Kraftakte" sie zugunsten der Familien erbracht hätten. Das ändert aber nichts am Gesamtbefund: Auch unter Rot-Grün verstärkt sich der jahrzehntelange Trend, Eltern, Kinder und Jugendliche immer stärker vom wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Standard unserer Gesellschaft abzukoppeln. Das schränkt nicht nur die Fähigkeit von immer mehr Eltern ein, ihren Kindern ein Umfeld zu schaffen, in dem sie gut gedeihen können; ihre gut dokumentierte Misere schreckt zudem immer mehr junge Paare davon ab, sich bestehende Kinderwünsche zu erfüllen. Damit schreitet die Vergreisung unserer Gesellschaft weiter voran. - Das alles ist aber offenkundig nicht besorgniserregend genug, um die Regierung zu einem Prioritätenwechsel, gerade auch in der Finanzpolitik, zu veranlassen.

Wie bei den jeweiligen Regierungsparteien üblich, sieht sich Rot-Grün natürlich veranlaßt, im Wahlkampfjahr der Gesellschaft keine schonungslose Bestandsaufnahme vorzulegen. Beim Blick auf die Familien ist stattdessen die rosarote Brille gefragt. Dabei "übersieht" sie zwangsläufig, daß:


sie mit ihrer bescheidenen "Kindergeld"erhöhungen weit davon entfernt ist, den soziokulturellen Mindestbedarf von monatlich rund 1.000 DM (=513 €) für alle Kinder sicherzustellen (dabei sind z.B. kinderreiche Familien seit 1996 von allen und Kinder in der Sozialhilfe von der jüngsten "Kindergeld"erhöhung ausgeschlossen worden)


gerade junge Väter nicht weniger, sondern mehr arbeiten - in vielen Fällen auch müssen - weil der häufige Totalausfall eines Einkommens praktisch nicht durch staatliche Hilfen aufgefangen wird


in der Ära Helmut Kohl der Einkommensvorsprung von Haushalten ohne Kinder gegenüber Haushalten mit Kindern auf einen Rekordwert angewachsen ist (Ein Single hatte 1998 Pro-Kopf ca. 150% mehr als ein vergleichbarer Familienhaushalt). Mit der "Steuerreform 2000" wird dieser Einkommensvorsprung von Kinderlosen gegenüber Familienhaushalten - trotz der "Kindergelderhöhungen" - bis 2005 sogar noch ausgebaut


sich junge Paare häufig drei bis vier Jahre nach der Geburt des ersten Kindes scheiden lassen, weil sie mit den vielfältigen Anforderungen und Belastungen der Elternrolle alleingelassen werden und deshalb scheitern


das rot-grüne Patentrezept "Mehr Einkommen für Familien durch mehr und frühzeitige Ganztagsangebote, um die doppelte Erwerbstätigkeit von Eltern zu ermöglichen" z.B. in Ostdeutschland bereits an den Realitäten des Arbeitsmarktes gescheitert ist


selbst Erwerbsarbeit Familien nicht vor Armut schützt (z.B. sind Alleinerziehende im Westen mit 14,5 Prozent überdurchschnittlich oft bei den sogenannten "working poor" dabei, wie der Armuts/Reichtumsbericht ausweist)


Jugendliche nach den Ergebnissen der internationalen Schulvergleichsstudie PISA zu über 50 Prozent darüber klagen, daß sich ihre Eltern zuwenig Zeit für sie nehmen und die rot-grüne Antwort darauf sich im wesentlichen auf die Forderung nach mehr Ganztagsschulen beschränkt


sich die Regierung - auf ausdrückliche Anweisung des Kanzlers - geweigert hat, die Strahlenbelastung durch Mobilfunkanlagen deutlich abzusenken, um mögliche Gesundheitsrisiken für Kinder und Jugendliche tatsächlich auszuschließen


....


Trotz dieser und anderer Fakten läßt die rot-grüne Regierung dennoch landauf, landab ihre "Familie Deutschland" in Anzeigen feiern. Damit bestärkt sie die Öffentlichkeit und die Wirtschaft weiter in dem Irrglauben, grundlegende Korrekturen und Einschnitte zu gunsten der Nachwuchsgeneration seien immer noch nicht notwendig. - Eine Rechnung, mit der Parteien höchstwahrscheinlich immer noch die nächsten Wahlen gewinnen können, aber wir alle dabei die Zukunft verlieren werden