Erste Proteste: Erwerbslose campieren vor der Arbeitsagentur in Aschersleben

Erstellt: Mittwoch, 02.08.2006 08:55

junge Welt, 02.08.2006 / Inland / Seite 4

»Wir gehen nicht«
ERste Proit. Ein Gespräch mit Tommi Sander
Tommi Sander ist einer der Sprecher der »Interessengemeinschaft contra Sozialabbau Aschersleben-Staßfurt«
Sie campieren seit Montag vor dem Job-Center in Aschersleben (Sachsen-Anhalt). Warum?


Wir protestieren, weil ab dem 1. August die verschärften Hartz-IV-Regeln gelten, das sogenannte Fortentwicklungsgesetz. Das schreibt vor, daß Arbeitslose Tag und Nacht für die Arbeits- beziehungsweise die Jobvermittlung erreichbar sein müssen. Deswegen haben wir gedacht, es sei am sinnvollsten, wenn wir hier Tag und Nacht anwesend sind, um die vielen Jobangebote entgegenzunehmen, die man uns verspricht.
Was ist dagegen einzuwenden, daß Arbeitslose ständig erreichbar sein müssen?


Im Prinzip nichts. Das Arbeitsamt hätte es natürlich gerne, daß man telefonisch von 8 bis 20 Uhr erreichbar sein muß. Warum dann nicht auch gleich die ganze Nacht über? Es ist doch makaber, wenn man auf der einen Seite verpflichtet wird, sich acht Stunden pro Tag um Arbeit zu bemühen, aber gleichzeitig permanent erreichbar sein muß.
Wie viele Mitstreiter haben Sie? Haben alle vor der Arbeitsagentur übernachtet?


Wir haben die letzte Nacht vor dem Arbeitsamt gezeltet oder in Schlafsäcken auf dem Rasen gelegen. Es waren 15 bis 20 Leute hier, wir haben uns abgewechselt. Und wenn jemand mal auf die Toilette mußte, hat er natürlich sein Handy mitgenommen. Wir müssen ja jederzeit erreichbar sein ...
Welche Reaktionen gab es bisher?


Die Besucher des Arbeitsamtes sind begeistert von unserer Aktion. Viele meinen, daß wir eigentlich noch zu wenig machen und viel zu harmlos seien.
Und was sagen die Angestellten der Arbeitsagentur dazu?


Die haben bisher überhaupt nicht reagiert. Kein einziger Mitarbeiter ist bis jetzt auf uns zugekommen, um das Gespräch zu suchen. Die geben sich Mühe, uns zu übersehen. Die Stadtverwaltung will uns hier jedenfalls weghaben. Ein Abteilungsleiter des Ordnungsamtes hat uns angedroht, daß unser kleines Camp am Dienstag abend beseitigt wird, falls wir bis dahin nicht alles selbst abgebaut haben. Das werden wir jedenfalls nicht tun – ich habe dem Beamten also gesagt, daß er dann eben alles räumen lassen soll.
Was tun Sie, wenn die Polizei anrückt?


Dann lassen wir uns eben wegtragen. Freiwillig gehen wir auf keinen Fall.
Haben Sie Bündnispartner für Ihre Protestaktion?


Inoffiziell werden wir von ver.di, offiziell von der Linkspartei unterstützt; insbesondere von der Bundestagsabgeordneten Elke Reinke. Hinzu kommen einige andere Organisationen. Wir hatten aber auch nicht viel Zeit, Unterstützer zu gewinnen – das Ganze ist eine Spontanaktion, die wir weder angekündigt noch angemeldet haben.
Planen Sie weitere Aktionen? Etwa gegen die zunehmenden Kontrollen durch Außendienstmitarbeiter der Arbeitsagentur? Oder gegen Zwangsumzüge?

Das eine oder andere haben wir uns schon überlegt, ich will aber vorher nichts verraten. Gegen die Zwangsumzüge werden wir auf jeden Fall vorgehen. Selbstverständlich auch gegen die Kontrollen.

Interview: Martina Huth