ZDF: Hetze für die Quote / Ein offener Brief zu dem ARD-Bericht »Arbeit, nein danke!«

Erstellt: Montag, 29.08.2005 09:10

junge Welt vom 29.08.2005

Feuilleton
Hetze für die Quote
Ein offener Brief zu dem ARD-Bericht »Arbeit, nein danke!« vom 24. August

*Aus einem Schreiben an die Programmdirektion der ARD zum Bericht »Arbeit, nein danke!« von Rita Knobel-Ulrich (ARD 24. August, 22 Uhr)

Wieder einmal hat die ARD in vorauseilendem politischem Gehorsam deutlich gemacht, wen sie mit ihrem Bericht vertritt: die vereinheitlichte politische Lobby und die Wirtschaftslobby. Und nicht nur das! Der Bericht macht deutlich, daß sich Stimmungsmache und Hetze auf die Benachteiligten dieser Gesellschaft offenbar günstiger auf die Quote auswirkt, als sauber recherchierte journalistische Arbeit.

Es wird in Ihrem Bericht dargestellt, daß man eigentlich mit 345 Euro ALG II im Monat wie ein Fürst leben kann. Sie haben nicht davon berichtet, daß sich dieser Betrag an der Sozialhilfe aus dem Jahr 1998 orientiert, der durch Veränderung des zugrundeliegenden Warenkorbes außerdem noch um 20 Prozent durch die rot-grüne Regierung gesenkt wurde! Auch die inzwischen nachgewiesenen Preissteigerungen durch die Einführung des Euro sind nicht berücksichtigt. Sie lagen zwischen zehn und 30 Prozent für die wichtigsten Artikel des täglichen Lebensbedarfs. Bereits 1998 reichte die Sozialhilfe nach Untersuchungen der Europäischen Gemeinschaft für eine kulturelle Existenzsicherung in Deutschland nicht aus.

Nichts davon ist in Ihrem Bericht!

Bei der Darstellung Ihrer Ein-Euro-Jobs haben Sie nicht darauf hingewiesen, daß dieser zusätzliche eine Euro gar kein Verdienst ist, sondern eine Aufwandsentschädigung, die meist nur zu 70 Cent ausgezahlt wird! Die einzigen, die an diesem modernen Sklavenhandel verdienen, sind die privatisierten Vermittler, bei denen keine reguläre Arbeit im Anschluß mehr zu vermitteln ist! Bei 15 Stunden in der Woche und angenommenen 300 Euro Mieterstattung der Arbeitsagentur erhält ein Betroffener 677 Euro, wovon er noch die Fahrtkosten zahlen muß. Würden Sie dafür arbeiten? Einem ALG-II-Empfänger stehen täglich 4,23 Euro zum Überleben zu. Können Sie sich davon gesund ernähren? Ich frage Sie allen Ernstes: Können Sie selbst sich dies auch nur für zwei Jahre vorstellen? Erwerbslose werden inzwischen sogar durch die Arbeitsagenturen unter Druck gesetzt, Jobs zu akzeptieren, die unterhalb von Mietzuzahlung zuzüglich ALG II liegen, also unterhalb des derzeit gültigen Existenzminimums. Die medizinischen Zuzahlungen für Erwerbslose, die früher erstattet wurden, gibt es für Erwerbslose nicht mehr. Schließlich lagen die Preissteigerungen nach Einführung der rot-grünen »Gesund-heitsreform« bei 20 Prozent. Würde es Ihnen leichtfallen, wenn Sie mit 345 Euro im Monat plötzlich eine Brille für 100 Euro zahlen müßten?

Warum täuschen Sie die Menschen mit Ihrem Bericht so?

Um deutlich zu machen, daß Erwerbslose nicht arbeiten wollen, greifen Sie in die unterste Schublade des Vulgär-Journalismus und zeigen Menschen, die sich einfach nicht zu helfen wissen und am Rande ihrer eigenen Möglichkeiten stehen.

Es ist schier unglaublich, wie in diesem Bericht die Tatsachen verkehrt werden! Sie wollen doch sagen, daß es genügend Arbeit gibt, sie aber nur nicht angenommen wird. Warum sagen Sie nicht, daß eine Reduzierung der Erwerbs-losigkeit bei ca. sieben Millionen fehlender Arbeitsplätze und 300000 geschätzten offenen Stellen überhaupt nicht möglich ist. Von 1991 bis 2004 wurden fast sechs Millionen Vollzeitarbeitsplätze vernichtet. Und nicht schlimm genug: Zukunftsberechnungen gehen davon aus, daß künftig nur für ca. 20 Prozent der Menschen existenzsichernde Arbeit vorhanden sein wird. Warum fehlen diese wichtigen Informa-tionen in Ihrem Bericht und wem wollen Sie mit Ihrem Bericht dienen?

Bei einem Regierungswechsel will eine schwarz-gelbe Regierung den Regelsatz von 345 Euro um 30 Prozent senken. Die Bertelsmann-Stiftung ist gar dafür, daß nur noch die Miete gezahlt wird. Die Bertelsmann-Stiftung! Merken Sie als Journalistin denn überhaupt nicht, wer hier Politik macht?

Warum trauen Sie sich nicht, die Wahrheit zu sagen?

Hans-Dieter Hey


* Der Autor arbeitet im FJK (Freies Journalistenbureau Köln) und ist Mitglied im Fachverband DJU, FB Medien sowie im Bundesverband Arbeiterfotografie


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Ausdruck erstellt am 29.08.2005 um 06:37:36 Uhr