Claus Fussek - Pflegediskussion ist Aufforderung zum Suizid

Datum:Donnerstag, 18.09.2008 09:29
Autor: vita
Betreff:Claus Fussek - Pflegediskussion ist Aufforderung zum Suizid
Text:Hallo,

was Claus Fussek zum Thema "PFLEGEASSISTENTEN" sagt - wen´s interessiert - Interview:

<<<Claus Fussek: „Pflegediskussion ist Aufforderung zum Suizid“
19. August 2008 | von Philipp Schröder

- Herr Fussek, welches Gefühl haben Sie, wenn Sie sich vorstellen, Sie wären alt und pflegebedürftig?

Fussek: Da habe ich immer einen Spruch drauf: Sei lieb zu Deinen Kindern, schließlich werden sie Dir eines Tages das Pflegeheim aussuchen. Aber ernsthaft: Selbst einmal im Alter pflegebedürftig zu werden, davor habe ich in der Tat Angst.

- Nach den neuesten Plänen der Bundesregierung müssten Sie dann damit rechnen, von ehemaligen, in Schnellkursen fitgemachten Langzeit-Arbeitslosen betreut zu werden...

Fussek: …die außerdem auch noch schwer vermittelbar waren. Bei Personalmangel in einem Kindergarten käme doch auch niemand auf so eine Idee.

Jetzt sagt Ulla Schmidt, die Kritik an diesen Plänen sei arrogant gegenüber Arbeitslosen. Es sind die Pläne, die arrogant sind – gegenüber den demenzkranken Menschen. Wer als Arbeitsloser für solche Aufgaben qualifiziert ist, kann gar nicht schwer vermittelbar sein.

In den guten Pflegeheimen stellt sich dieses Problem auch gar nicht, die haben längst ehrenamtliche Mitarbeiter, die in ein stabiles und professionelles Pflegeteam eingebunden sind. Die Behauptung, die neuen „Pflegeassistenten“ würden nur zusätzlich eingestellt, ist doch Augenwischerei: Natürlich würden die ehemaligen Langzeitarbeitslosen beispielsweise bei Wochenenddiensten schnell voll eingebunden.


- Sie erleben täglich die Anrufe verzweifelter Angehöriger oder Pflegekräfte.

Fussek: Es ist wie eine Art Telefonseelsorge. Seit mehr als zehn Jahren erreichen mich so Informationen aus dem gesamten Bundesgebiet. Regional kann man das gar nicht differenzieren, denn: Zwei Pflegekräfte können beispielsweise eben keine 30 Leute pflegen, das funktioniert weder in Mecklenburg-Vorpommern noch in Bayern. Zwei Kräfte für 30 Leute oder eine Kraft für 25 Leute, dass kann nicht gehen.

- Oft, wenn ich selbst ein Pflegeheim betreten habe, hatte ich danach das Gefühl: So will ich nicht enden.

Fussek: Das kann ich verstehen. Man mag ja sagen, der Fussek spinnt. Aber man muss nur selbst einmal in Pflegeheime gehen, um zu erleben, wie bedrückend die Stimmung vielerorts eben ist.

Es gibt selbstverständlich auch viele gut geführte Pflegeheime. Nur: Die Mängel, über die wir reden, sind elementare Menschenrechtsverletzungen. Laut des medizinischen Dienstes der Kassen sind zum Beispiel ein Drittel der Pflegeheim-Bewohner mangelernährt.

In einem Gefängnis wäre das zu Recht ein Skandal, da würde man sofort den Kopf des Justizministers fordern. Aber ist bei Pflegeskandalen der Ruf nach personellen und politischen Konsequenzen laut geworden? Nein.

- Warum nicht?

Fussek: Es ist augenscheinlich und für mich erschreckend, wie schnell man zur Tagesordnung übergeht. Man scheint sich einig zu sein: Bei den alten Menschen ist das nicht so schlimm.

- Sie sprechen in Ihrem Buch sogar von der „Pflegemafia“.

Fussek: Weil an den Folgen schlechter Pflege Milliarden verdient werden. Beispiel: Jemand stürzt im Pflegeheim oder bekommt ein Druckgeschwür, das ist für Rettungssanitäter, Krankenhäuser und Apotheken natürlich ein Geschäft.

Mafia bedeutet, dass ein intransparentes System wehrlose Menschen skrupellos ausbeutet und dass man das auch genau weiß – aber nichts dagegen tut. Ich mache den Pflegekräften nicht den Vorwurf, dass sie es nicht schaffen, sondern, dass sie nicht darüber reden.

Alle wissen Bescheid: Apotheken, Ärzte, Krankenwagenfahrer und erst recht die Altenpflegeschulen, die ja von ihren Azubis die Praktikumsberichte bekommen. Es ist bitter, wie die Allianz des Schweigens funktioniert.

- Das allgemeine Schweigen, die „Omerta“ der Mafia?

Fussek: Ganz genau. Ich wäre ja begeistert, wenn man mich mal widerlegen würde. Aber ich höre unter der Hand immer nur: Fussek, Sie haben Recht, aber… Fussek, ich könnte Ihnen Sachen erzählen.

Wissen Sie, ich habe ja Schweigepflicht bei meinen Beratungen, aber ich wünschte mir fast, mal vier Wochen abgehört zu werden. Da könnte die Polizei alle halbe Stunde gleich zum Staatsanwalt durchschalten, das sind meiner Meinung nach Straftatbestände, von denen mir aus den Pflegeheimen berichtet wird.

- Warum mutet man das den Pflegekräften überhaupt zu?

Fussek: Ich verstehe mich als Vertreter der alten Menschen, nicht als Anwalt des Personals. Aber natürlich ist menschenwürdiges Leben in den Altenpflegeheimen ohne menschenwürdige Arbeitsbedingungen für das Personal nicht möglich.

Aber wer sind denn eigentlich die größten und mächtigsten Arbeitgeber in Deutschland? Die Kirchen und die Wohlfahrtsverbände, die alle bestens mit der Politik liiert sind. Wenn sie wollten, könnten sie morgen einstimmig Änderungen beschließen, auch was die Bezahlung der Pflegekräfte angeht.

Aber sie tun es nicht, man hat Angst, dass die Rendite kleiner wird. Es kann auch nicht sein, dass eine professionelle, engagierte, sich ständig fortbildende Pflegerin nicht mehr verdient, als die Kollegin, die nicht mal die Apothekerzeitung liest und das Ganze nur als Job sieht. Wenn mehr Geld für Pflegekräfte, dann bitte nur für die guten.


- Und die gerade in Kraft getretene Pflegereform?

Fussek: Mehr als ein Reförmchen war das nicht. Wichtig wäre endlich der von allen seit vielen Jahren geforderte „erweiterte Pflegebegriff“, eine Zusammenlegung von Pflege- und Krankenversicherung und die Abschaffung der weltfremden Beurteilung nach Pflegestufen und unwürdigen Pflegeminuten. Ich kann schon meine eigenen Argumente nicht mehr hören. Man hätte endlich den Mut haben müssen, der Rehabilitation den Vorrang vor der Pflege einzuräumen.

- Müssen Pflegeheime immer wie Krankenhäuser aussehen?

Fussek: Natürlich nicht! Sie müssen und können auch nach Leben aussehen. Ich kenne ja auch Häuser, die gar nicht wie Pflegeheime aussehen, sondern wie ein normales Wohnhaus wirken. Wenn Gemeinde und Angehörige beispielsweise eine Art Patenschaft übernehmen, dann verändert sich auch die Atmosphäre und die Pflegekräfte im Heim werden entlastet.

- Warum ist es nicht ungewöhnlich, dass jemand relativ rüstig ins Heim zieht und dann innerhalb kurzer Zeit völlig abbaut?

Fussek: Einen Brief zu so einem Beispiel habe ich gerade von Angehörigen bekommen. Solange jemand im normalen Wohnbereich lebt, ist das nicht das Problem. Aber wenn es dann auf die Pflegestation geht und man sich in einem Doppelzimmer von fast allen persönlichen Erinnerungsstücken trennen muss, dann wird es schwierig. Wenn man einem Menschen seine Würde nimmt, hört er auf zu leben. Eine Generation, die ihr Leben lang schwer geschuftet hat, wird zur Untätigkeit verdammt. Früher gingen sie vielleicht um 23 Uhr ins Bett, nun sollen sie ab 18 Uhr schlafen, werden dafür „fertiggemacht“ und kriegen womöglich Psychopharmaka. Wer sich nutzlos fühlt, baut ab – die alten Leute wissen alle Bescheid.

-weiterlesen hier:

http://www.svz.de/home/top-thema/article/111/kopie-17.html

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Re: Claus Fussek - Pflegediskussion ist Aufforderung zum Suizid • Erwin Denzler • Donnerstag, 18.09.2008 14:28

Re: Claus Fussek - Pflegediskussion ist Aufforderung zum Suizid • vita • Freitag, 19.09.2008 10:27

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Re: Noch mal zu ''Langzeitarbeitslose in die Pflege'' • Erwin Denzler • Donnerstag, 18.09.2008 14:06

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